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75 Jahre GG

Happy Birthday, liebes Grundgesetz! - Die Geschenke und Liebeserklärungen der WRR zum Aktionstag 75 GG am 15. Mai 2024

Welch ein Glück, dass es dich gibt, du bist das Fundament unserer Demokratie, unseres sozialen Rechtsstaats, unseres föderalen Staatsaufbaus, du sicherst jedem einzelnen von uns ein freies Leben voller Würde. Du gibst uns viel und forderst nur wenig, wer sich in seinen Grundrechten bedroht sieht, hat das Recht vor dem BVerfG, das dich schützt, zu klagen. Du kamst als ein kleines, bescheidenes Büchlein nach etwas mehr als 9 Monaten im Mai 1949 auf die Welt, wurdest am 23. Mai mit der Unterschrift von Konrad Adenauer getauft, hast alle Deutschen glücklich gemacht und lebst hoffentlich ein ewiges Leben. Dass wir dich haben, das ist nicht nur in Berlin eine riesengroße Party wert! Nein, überall wird gefeiert und auch in Bayern. Für den 15. Mai 2024 haben sich 16 Münchner Schulen mit 300 Schülern ein beeindruckendes Aktionsprogramm für dich ausgedacht:

Am Vormittag gab es auf der Sendlinger Straße den höchst kreativen und sehr bunten „Walk of Democracy“, im Anschluss daran das Bühnenprogramm am Rindermarkt mit vielen Interviews – und genau bei diesem Bühnenprogramm durften wir von der Wilhelm-Röntgen-Realschule (WRR) mit dabei sein. Für das leibliche Wohl sorgte ganz hervorragend das Jugendinformationszentrum, es gab sogar kleine give aways für die unentwegten Sammler unter allen Teilnehmenden.

Wir überreichten zwei „Geschenke“ für das Grundgesetz, die im Grunde auch zwei leidenschaftliche Liebeserklärungen an das Geburtstagskind waren. Zum einen entwarfen wir gemeinsam mit Schülern der Elly Heuss – Realschule Postkarten für das Grundgesetz, zum anderen stellten wir das „Demokratie-Café“ unserer WRR vor. Doch wer waren „wir“ und wie lief das alles ab?

Die gedanklichen Vorarbeiten zu diesem bedeutenden Geburtstag begannen früh, auf der organisatorischen Ebene gab es vorab einige Videokonferenzen mit den Verantwortlichen des Pädagogischen Instituts (PI )– Sarah Bergh-Bieling und Joy Pech- mit Ayse und Fahdi von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) sowie mit den beiden Teamerinnen Christina und Zehra, die die Schüler mit dem GG vertraut machen wollten. Als Scharnier zur Schule fungierten Anna Ugur von der Elly – Heuss und Maria Gerteisz von der Wilhelm-Röntgen-Realschule, zwei Lehrerinnen, die ebenfalls in ihrem Unterricht den Schülern Wissenswertes zum und vor allem Begeisterung zur Beschäftigung mit dem Grundgesetz vermitteln wollten. Wir bleiben aber mit unserer Geschichte bei der WRR.

Als erstes galt es Schüler zu finden, die bei diesem Projekt mitziehen würden. Da der PuG – Unterricht in den 10. Klassen bei nicht wenigen Schülern auf großes Interesse stieß, waren diese auch sofort dabei. Erfreulicherweise fanden sich auch in der 9. Klasse einige Schülerinnen, die bereit waren, sich auf dieses Thema einzulassen.

Dann mussten die Ideen in die Tat umgesetzt werden. Im Februar 2024 fand am Nachmittag der erste Workshop mit unseren Schülern statt, dem bis Anfang April noch vier weitere folgen sollten. Die Schüler verstanden schnell, dass das GG auch für sie hochinteressant ist und ihr ganzes Leben prägt. Spielerisch fanden sie schnell Zugang zu den kurzen Prosatexten, vor allem folgende Artikel hatten es den Jugendlichen angetan:

  • Art. 1 Die Würde des Menschen ist unantastbar,

  • Art. 2 Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit,

  • Art. 3 Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt,

  • Art. 5 Meinungsfreiheit und

  • Art 16 Asylrecht.

Diese Artikel haben wir einzeln, aber auch intersektional betrachtet, also gedankliche Brücken geschlagen zwischen verschiedenen problembeladenen und heiß diskutierten Bereichen wie Feminismus, Rassismus, Migration, Gender, Jugend, etc. und uns dabei unzählige Fragen gestellt, z.B.

  • Wie zerstört Rassismus die Würde des Menschen?

  • Warum werden Frauen immer noch oft benachteiligt?

  • Hat man weniger Rechte, wenn man Frau ist, einen Migrationshintergrund hat und nicht erwachsen ist?

  • Wird man an der Schule benachteiligt, wenn man z. B. arm ist und einen Migrationshintergrund und einen anderen Glauben hat?

  • Warum ist eine Abschiebung möglich, obwohl man eine Ausbildung angefangen oder eine Arbeit gefunden, die Sprache gelernt und sich gut integriert hat? Widerspricht das nicht Art 1 und 2?

  • Wäre das GG anders geschrieben worden, wenn LGBTQ-Vertreter oder Migranten und noch viel mehr Frauen an seiner Entstehung beteiligt gewesen wären?

Über solche Fragen nachzudenken hat den Schülern Spaß gemacht und zu diesen Themen sollten sie nun eigene Postkarten entwerfen. Sie konnten texten, was ihnen gerade so einfiel, Gedichte, Dialoge oder Prosatexte verfassen, traurige und lustige Geschichten schreiben, Vergangenes und Aktuelles mischen, zeichnen, etwas zusammenkleben, sie waren vollkommen frei, die durften grenzenlos kreativ sein.

Am Freitag, den 12. April 2024 fand im PI der letzte Workshop statt, die Postkarten wurden nach engagierter und hochkonzentrierter Arbeit fertiggestellt, die bpb nahm sie zum Druck mit. Wowh, was war das für ein Erfolgserlebnis! Unsere Postkarten zum Grundgesetz konnten in den Druck gehen und sollten am Aktionstag präsentiert und verteilt werden. Und diesem Tag fieberten wir alle mit immer größer werdender Neugier und Erwartung entgegen.

Die Postkarten waren bis zur Geburtstagsfeier zwar noch nicht alle gedruckt, doch was solls, es gab zumindest bereits zwei wunderschöne Plakate. Kieron, Dennis, Sophia und Josephine meinten dazu auf der Bühne: 

„Es war einfach für alle sehr gewinnbringend, sich gemeinsam, offen und frei über so etwas Wichtiges wie das Grundgesetz Gedanken zu machen, so entstehen viel mehr Ideen, man beflügelt sich gegenseitig, erhält Anregungen, auf die man alleine nicht gekommen wäre.“Luca präzisierte noch: „Die Projekttage zum Grundgesetz haben großen Spaß gemacht, weil wir so viele verschiedene Einblicke in das Grundgesetz bekamen, die intersektionale Perspektive hat vieles noch deutlicher werden lassen und das Basteln der Postkarten war ein richtig großes Finale.“

Aber das war noch nicht alles. Auf der Bühne am Rindermarkt durften wir eingebettet in ein hochkarätiges und sehr buntes Nachmittagsprogramm unser „Demokratie-Café“ präsentieren. Dieses ist ein kleines Juwel für diejenigen Schüler an der WRR, die schulisch, gesellschaftlich, politisch, kulturell, oder auf einem anderen Gebiet, das ihnen wichtig ist, etwas bewegen wollen. Das Demokratie-Café findet außerhalb der Unterrichtszeiten statt und Gott sei Dank gibt es Schüler, die sich hier mit großer Begeisterung, unermüdlicher Regelmäßigkeit, immenser Kreativität und bewundernswertem Engagement einbringen.

Was war das für ein Gefühl, am Nachmittag auf der Bühne zu stehen und auch zu wissen, dass der ganze Auftritt von dem Dokumentarfilmer Patrik Thomas gefilmt werden würde. Musik sorgte für eine beschwingte Stimmung, Scheinwerfer in allen Farben und auch das Wetter boten richtig Dramatik. Ein Gewitter zog auf und es konnten jederzeit Regen, Blitz und Donner auf die Besucher herunterprasseln. Noch hielt das Wetter.

Eingeleitet wurde das Nachmittagsprogramm von dem zweiten Bürgermeister Dominik Krause und dem Stadtschulrat Florian Kraus. Im anschließenden Interview mit Lavinia Rath erzählten die Schüler Kieron, Larissa, Yannick, Luca aus der 10 a und Amelie aus der 7 a detailliert, warum sie sich im Demokratie-Café einbringen – Zusammengefasst liest sich ihre Motivation wie folgt:

  • Es ist ein lockeres Treffen in einer ungezwungenen Atmosphäre, das Argument jedes einzelnen zählt, es gibt keine Hierarchien, wir begegnen uns auf Augenhöhe, reden ganz offen in einer echten basisdemokratische Atmosphäre. Dadurch hat sich bei uns eine Wohlfühl-Stimmung breit gemacht, in der wir einander vertrauen und füreinander da sind.

  • Wir wollen etwas bewegen, uns einmischen.

  • Auch Schülermeinungen sollen in die Politik einfließen.

  • Wir haben die Möglichkeit, uns weiterzubilden, unseren Horizont zu erweitern.

  • Mit Blick auf die aktuelle Situation bei uns in Deutschland, erkennen wir, dass die Demokratie nicht selbstverständlich ist, soziale Medien, wie TicToc von Rechtspopulisten dominiert werden und FakeNews überall zu finden sind.

  • Ein Jahr PuG – Unterricht in der Realschule ist viel zu wenig, vor allem wenn man vielleicht bald nicht mehr nur bei den Wahlen zum EU-Parlament mit 16 wählen gehen darf, sondern auch beim Bundestag, Landtag und bei den Kommunalwahlen. Wir wollen wählen, unsere Stimme abgeben, aber wir wollen umfassender informiert werden. Wir wollen, dass unsere Demokratie lebt, in unserem Alltag präsent ist, da reichen zwei Unterrichtsstunden pro Woche hinten und vorne nicht!

Yannick und Iwo,10 a erklärten die Zielsetzungen des Demokratie-Cafés: Der Fokus bei uns ist zunächst wirklich auf die Schule gerichtet, wir möchten unseren Umgang miteinander verbessern, einander viel respektvoller begegnen, uns überlegen, wie wir den Toleranzgedanken und die Klassengemeinschaft stärken und viele Streitigkeiten vermeiden können. Zudem wollen wir mit anderen Einrichtungen im Viertel, in der Stadt, etc. zusammenarbeiten, z.B. mit NEBourhoods in Neuperlach. Und Amelie, ein richtig kluges Energiebündel aus der Klasse 7 a, die für das Demokratie-Café brennt, schwärmt vor dem bereits besorgt in den Wolkenhimmel blickenden Publikum von dem gemeinsamen Besuch einiger Veranstaltungen, wie dem Tag der offenen Tür im Bayerischen Landtag, dem Europarad im Werksviertel, dem Tag der offenen Tür im Münchner Rathaus. Das alles sind freiwillige Aktivitäten am Wochenende für interessierte Schüler aus einer Ganztagsschule, chapeau!, das ist mehr als anerkennenswert, das ist fantastisch – das sei einfach noch von der „Inhaberin“ des Demokratie-Cafés, Maria Gerteisz, angemerkt.

 

Oh ja, es war eine große Ehre für uns, an diesem Tag dabei sein zu dürfen. Larissa und Luca meinten später: „Uns hat es sehr gefallen, dass wir unser tolles Demokratie-Café vorstellen durften und auch von den Kreationen der anderen Schüler soviel mitbekommen haben.“ Die dunklen Gewitterwolken, die sich tatsächlich kurz nach unserem Auftritt in einem heftigen Platzregen entluden, konnten der Gesamtstimmung nichts anhaben. Dem Grundgesetz geht es ja ähnlich, es gibt Versuche, es zu beeinträchtigen, aber es ist wehrhaft. Es wird auch den Regen, das Gewitter, sprich die Anfeindungen überstehen, weil es viele Menschen gibt, die einen Schirm haben, den sie aufspannen, d. h. an seiner Seite stehen und es verteidigen. Das Grundgesetz braucht aktive und engagierte Menschen, in der Schule haben wir die Möglichkeit, unsere Schüler für den Wert unseres Grundgesetzes und der Demokratie nicht nur zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie viel Spaß es macht, in Freiheit zu leben, sondern sie zu aktivieren, sich für die Demokratie und das Grundgesetz einzusetzen.

Wir konnten 75 Jahre Grundgesetz an diesem 15. Mai 2024 nicht nur mit vielen anderen Teilnehmern feiern, sondern aktiv mitgestalten. Das war mega, ein echt wahnsinnig tolles Erlebnis. Davon werden wir noch lange und immer wieder erzählen… Und eines ist uns heute auch schon klar: Zum 80. Geburtstag des Grundgesetzes möchten wir wieder ein kleines Geschenk darbieten, wer weiß, wie sich das Demokratie-Café weiterentwickeln wird, es könnte dann fünf Jahre alt werden und sogar selbst für eine kleine Sause an der Seite der großen Party für das Grundgesetz Anlass bieten. Das Grundgesetz ermöglicht unser Demokratie-Café, das im Gegenzug seinen Inhalt lebt. Also: „Let’s walk together… and …. we will celebrate again!“

Maria Gerteisz, M.A.

Lehrerin für PuG und Französisch